What is your biggest challenge?

Es war mein 3. Tag in Kenia. Es war spät am Nachmittag als wir Bungoma erreichten. 10 Stunden fuhren wir von Nairobi quer durchs Land bis in den Westen von Kenia. Es war ein totaler Kontrast zu Nairobi. Es war heiß, die Luft war unerträglich feucht und drückend zugleich. Felder wo man nur hinsieht und rote Erde die wohl eine Straße teileweise darstellte, führten von einer Hütte oder einem Haus zum anderen.  Einerseits fühlte ich mich so wohl, wie ich mich noch nie irgendwo wohl gefühlt habe, anderseits, kam mir regelmäßig der Gedanke: "Oh mein Gott, keiner wird mich hier jemals wieder finden". Es war irgendwo im Nirgendwo und es schien als ob es von der restlichen Welt abgeschnitten wäre.  Dieses Gefühl überrannte mich in den nächsten Wochen nicht nur einmal.

 

Gleich am nächsten Tag wollten wir eine Schule besuchen. Der Vater der Familie, die mich in ihrem Zuhause aufgenommen hatte, war dort 16 Jahre lang Lehrer und aufgrund seines doch nun schon hohen Alters, (kaum jemand, gerade in der älteren Generation, kennt ihr/sein Alter) zu Hause. Er kannte daher den Direktor der Schule, der die Erlaubnis dafür gab, die Schule besichtigen zu dürfen.

Es waren zwei lang gezogene "Behausungen", die verdächtig instabil aussahen, in denen sich 8 Klassenzimmer für 8 Stufen befanden. Die Primaryschool zählt 700 Kinder zu ihren Schülern. Die Ausstattung waren Holzbänke und Holztische an denen je mindestens 3 Kinder saßen. Der Rest suchte sich einen Platz auf dem Steinboden zwischen den Löchern die sich fast in jedem Klassenzimmer befanden. Wir gingen von einem Klassenzimmer ins andere und ich stellte mich 8 x vor und erklärte auch mindestens 8 x, dass ich nicht aus dem Land der Kängurus komme. :-). Die Kinder machten in den Klassen einen unglaublich schüchternen Eindruck auf mich. Ein paar vereinzelte trauten sich dann aber doch Fragen zu stellen. Manche schauten mich einfach nur, naja teilweise total entsetzt an, nein, sie starrten. Mir wurde erst später gesagt, dass sich in dieser Gegend hier, kaum "Weisse" verirren und Fernseher gäbe es auch kaum. Woher sollten sie dann auch wissen, dass es tatsächlich Menschen mit weißer Hautfarbe gab. Oha, dann bin ich ja genau da wo ich hinwollte. :-)

 

Nach der Besichtigung zeigte mir der Direktor noch den Rest der Schule. Einmal ein kleines Gebäude welches als "Büro für das Lehrpersonal" gedacht war. Am anderen Ende des Grundstückes standen dann noch zwei Hütten mit blauer Holztür. Die Toiletten für 700 Kinder!!! Zwei mittelgroße Löcher im Boden, kein Toilettenpapier, kein Wasser. Bäm, in meinem Kopf ratterte es ab diesem Zeitpunkt nur noch. Wie geht das? Wie funktioniert das? Wo waschen sich die Kinder die Hände? In diesem Moment war zugleich der Unterricht zu Ende und ca 700 Kinder rannten aus den Klassenzimmern. Meine Gedanken eben noch bei dem Toiletten-/Waschproblem, waren die Kinder schon überall um mich herum. Jeder wollte zumindest einen Teil der weißen Haut an meinen Armen oder meinen Füßen!! berühren. Manche konnten sich kaum noch halten vor Lachen, überall wurde gezupft, an meinen Haaren, an meiner Kleidung. Jeder nahm meine Hand und bewunderte diese als wäre sie aus Gold. Ich konnte mich kaum noch drehen, ohne Angst haben zu müssen, ich könnte einen kleinen Knirps übersehen.

 

Nach einem kurzen Abschlussgespräch mit dem Direktor und meinem Versprechen die Kinder in den nächsten Tagen nochmal zu besuchen verabschiedete ich mich.

 

Mein Kopf war voll. Meine Gedanken überschlugen sich so dermaßen schnell, dass mir fast schon schwindlig wurde. Aber es ging weiter.

Es waren 5 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahre alt, die ich in einer Highschool besuchen durfte. Mein heutiger Organisationspartner hatte die Betreuung der Jugendlichen übernommen, deren Schulgelder von einer amerikanischen Hilfsorganisation für missbrauchte Kinder, getätigt wurden. Die Highschool war baulich eine noch größere Katastrophe als die Schule die wir uns davor angesehen hatten. Es war gleichzeitig der Wohnort, das Zuhause der Kinder und ich finde keine Worte für die Zustände. Wir spazierten gemeinsam innerhalb des Schulgeländes über ein riesiges Feld. Irgendwann setzten wir uns auf den Boden und fingen an uns vorzustellen. Ich erzählte wo ich herkam und warum ich nach Kenia gereist bin. Ich saß im Schneidersitz und dann war meine Frage an alle:

 

What is the biggest Challenge in your Life?:

(Was ist die größte Herausforderung deines Lebens?)

 

Keiner wollte natürlich etwas sagen und mir war es plötzlich sehr unangenehm; so unüberlegt und unsensibel so eine Frage zu stellen. Dann sprach die Kleinste von allen; ich konnte sie kaum verstehen, da sie so leise sprach. Ich verstand nur "Seife". Ich bat Osborn darum, meine Frage vielleicht doch nochmal zu wiederholen, da ich davon ausging, ich wurde nicht verstanden. Osborn wiederholte meine Frage und ihre Anwort war tatsächlich nochmal "ein Stück Seife!!!". Ein 14 jähriges Mädchen erzählte mir, dass es ihre größte Herausforderung im Leben ist, sich noch nie mit Seife gewaschen zu haben und sie sich so dafür schämt. Ich war sprachlos. Ich habe mit allem gerechnet aber nicht mit dieser Antwort.

 

Der Wunsch des anderen war es ein Licht zu besitzen, egal ob Kerze oder Taschenlampe, nur damit er auch nach 18 Uhr noch lesen oder schreiben könne. Denn wenn er Arzt werden möchte, reicht es nicht bis 17 Uhr in der Schule zu sitzen, sondern er möchte auch Abends lesen und schreiben, damit er es irgendwann bis zur Universität schafft.

 

Der 18- jährige kämpfte mit seinen Schuhen und zeigte mir sein zusammengeflicktes Werk. Er besitzt, so wie die meisten wenn überhaupt, nur dieses eine Paar Schuhe.

Ein anderes Mädchen wünschte sich eine zweite Garnitur ihrer Schuluniform. Sie ist andauernd krank erzählt sie mir. In Kenia kann es nachts unglaublich kalt werden. So kalt, dass die Wäsche kaum trocknet wenn sie diese am Abend vor dem schlafen gehen, wäscht. Da sie allerdings nur dieses einzige Kleidungsstück besitzt, muss sie früh morgens mit meist feucht, kalten Uniform zum Unterricht.

 

Alle sind unglaublich glücklich und zufrieden darüber zwei bis drei warme Mahlzeiten täglich zu bekommen und nicht hungern zu müssen. Sie sind unglaublich glücklich darüber in die Schule gehen zu können und ein Dach über dem Kopf zu haben. Deshalb sind diese Dinge "Challenges". Sie bringen ausdrücklich zu Kenntnis, dass es Träume sind und es OK ist, so wie es ist. 

 

Ist das ok?

 

Ist es ok, dass es immer noch eine Welt gibt, in der es eine Herausforderung ist, mit einem Kleidungsstück auszukommen?

Ist es ok, dass es immer noch eine Welt gibt, in der es eine Herausforderung ist, sich nicht mit einem Stück Seife waschen zu können?